Weatherford: Gute Produktdaten - einfach unbezahlbar

PLM hat es den großen Erdöl- und Erdgasproduzenten der Welt ermöglicht, die Förderausbeute zu erhöhen.

"Design anywhere, build anywhere" ist für jeden globalen Hersteller ein ambitioniertes Ziel, insbesondere aber für Weatherford, einen der größten Anbieter von Anlagen und Dienstleistungen rund um die Erdölförderung.

"Wo es Erdölvorkommen gibt, ist Weatherford vor Ort", erklärt Bill Droke, der als IT-Direktor für die integrierten ERP- und PLM-Systeme des Unternehmens verantwortlich ist. Weatherford ist ein multinationaler Konzern mit Hauptsitz in Genf (Schweiz) und Niederlassungen in mehr als 100 Ländern. Das Unternehmen betreibt 16 Technologie- und Schulungszentren sowie ca. 1.000 Service- und Fertigungsanlagen. Die über 59.000 Mitarbeiter von Weatherford setzen sich dafür ein, den Erdöl- und Erdgasproduzenten dieser Welt dabei zu helfen, die Förderausbeute zu erhöhen.

Die Förderunternehmen setzen die Technologie von Weatherford von den ersten Probebohrungen, über den Ausbau bis hin zur Förderung ein. Interventionssysteme sind ein weiteres Spezialgebiet von Weatherford. Sie unterstützen Erdöl- und Erdgasproduzenten bei der Behebung von Problemen und bei der Optimierung der Ausbeute bei Quellen mit ungenügender Förderquote.

Vor etwa zehn Jahren entschloss sich Weatherford, das "Design anywhere, build anywhere"-Konzept vom Idealbild zum Unternehmensstandard auszubauen. Man beschloss, das operative Geschäft basierend auf einer globalen ERP-Plattform mit einem integrierten PLM-System als erfolgskritischer Komponente neu zu organisieren.

Warum PLM? "Ganz einfach", so Droke. "Wir mussten unsere Produktdaten unter Kontrolle bringen. Unsere Teileentwürfe gewannen immer mehr an Bedeutung als zentrale Unternehmenswerte. Unsere Investitionen in ERP und PLM sind ausschließlich auf die Verbesserung des Bestands- und Asset-Managements innerhalb unserer globalen Lieferkette ausgelegt."

Komplexitätsebenen

Vom Beginn der ERP-/PLM-Initiative an strebte Weatherford eine einzige, zentrale Datenbank mit sämtlichen Produktinformationen an. Das System sollte umfassend sein, und die Teile sollten einheitlich gekennzeichnet und mit ausführlichen Attributen versehen werden. Die Benutzer sollten in der Lage sein, überall und jederzeit schnell und einfach auf die Daten zuzugreifen.

Angesichts der internationalen Standorte des Unternehmens keine einfache Aufgabenstellung. Doch dies war nicht die einzige Komplikation.

"Die technische Produktentwicklung in der Erdölindustrie ist mit nichts anderem zu vergleichen", meint Lewis Lawrence, PLM-Prozessverantwortlicher bei Weatherford. "Wir entwickeln und fertigen keine Standardprodukte, sondern kritische Produkte, die speziell für die Bedingungen der jeweiligen Lagerstätte konstruiert werden. Sie werden nach Bestellung entworfen, konfiguriert und gebaut."

Die Teile, insbesondere jene, die innerhalb der Bohrlöcher zum Einsatz kommen, werden in der Regel aus Rohlingen gefertigt und bestehen aus in anderen Branchen exotischen Werkstoffen. Ein Beispiel ist Inconel, eine Superlegierung, die primär aus Nickel und Chrom besteht.

Die Produktion ist begrenzt, und die Lebenszyklen der Produkte sind mitunter sehr lang. "Nachbestellungen kommen oft nur alle 10 Jahre oder seltener herein", so Lawrence. "Unsere Entwürfe stammen aus so vielen Quellen, da kann es schon einmal passieren, dass man den Überblick verliert. Manchmal ist es schwierig, die Originaldaten zu finden."

Weatherford möchte laut Lawrence insbesondere vermeiden, dass bereits vorhandene Teile neu konstruiert werden müssen, denn dadurch verlängert und verteuert sich die Produktentwicklung.

Auswirkungen auf die Erträge

Eine weitere PLM-Hürde war organisatorischer Natur. Über die Jahre ist Weatherford durch Akquisitionen gewachsen. Inzwischen sind mehr als 250 Firmen in der Gruppe miteinander verschmolzen. Lawrence: "Und jedes neue Entwicklungsteam, das an Bord kam, brachte zusätzliche Legacy-Systeme für die Nummerierung und Beschreibung von Teilen mit."

Die Lieferkette sorgt für zusätzliche Komplexität. "Der größte Kunde von Weatherford ist Weatherford selbst", so Lawrence. Das heißt: Ein Großteil der Produktion in den Anlagen des Unternehmens geht intern an die eigene Serviceorganisation. Die Serviceniederlassungen von Weatherford mieten und betreiben die Anlagen dann im Rahmen der vertraglichen Dienstleistungen, die sie den Erdöl- und Erdgasunternehmen erbringen.

Weatherford arbeitet darüber hinaus mit tausenden von unabhängigen Herstellern zusammen, die kurzfristig Spezialteile produzieren. Bei den Zulieferern handelt es sich vorwiegend um kleine Unternehmen. "Viele von ihnen befinden sich an abgelegenen Orten in der Nähe der Förderstätten unserer Kunden", erklärt Lawrence. "Wir müssen deshalb eine große Menge an zusätzlichen – und unterschiedlichen – Produktdaten koordinieren."

Darüber hinaus sind die Liefertermine stets eng. Gerät Weatherford mit der Bereitstellung der Anlagen vor Ort in Verzug, verliert der Kunde u. U. wertvolle Bohrzeit und fällt in der Produktion zurück.

"Pünktlichkeit hat enorme Auswirkungen auf die Erträge", so Lawrence. "Wir dürfen uns nicht durch Probleme mit Produktdaten aufhalten lassen. Für unsere Kunden geht es um die Produktivität. Für uns geht es darum, ob wir den nächsten Servicevertrag bekommen oder nicht."

Nur wenn Qualität hereinkommt, kommt auch Qualität heraus

Weatherford verwendet ein ERP-System von Oracle mit Windchill von PTC als PLM-Front-End. Die Benutzer erstellen Teile mit CAD-Tools (Computer-Aided Design), und der PLM-gesteuerte RTP-Prozess (Release to Production) von Weatherford kontrolliert jede Genehmigung, bevor Teileinformationen in das ERP-System übertragen werden.

Wichtige Entwicklungs- und Fertigungsmitarbeiter erhalten automatisch eine Benachrichtigung, wenn ein neuer oder aktualisierter Teileentwurf freigegeben wird. "Die Systeme sind so miteinander verflochten", so Droke, "dass ERP-Nutzer mit unseren PLM-Tools und -Daten interagieren, ohne es zu bemerken."

Die regelmäßigen Unternehmensakquisitionen bedeuten, dass die Übernahme der integrierten ERP-/PLM-Systeme kontinuierlich fortgesetzt werden muss. Doch die ERP-/PLM-Systeme sind inzwischen zweifellos fest etabliert. Mittlerweile gibt es bei Weatherford mehr als 2.000 tägliche PLM-Nutzer. Die Produktdatenbank enthält fast eine Million Teil-Master und über eine Million sekundäre Teilenummern.

Jeden Monat fügen die Anwender dem System fast 6.000 neue Teilenummern, fast 2.000 Überarbeitungen und mehr als 1.000 Konstruktionsänderungsanträge hinzu. Nach Schätzungen Drokes werden etwa 85 Prozent der Geschäftstransaktionen bei Weatherford mittlerweile über die ERP-/PLM-Systeme abgewickelt. Droke: "Wenn Windchill einmal nicht verfügbar ist, schränkt uns das in unserer Fähigkeit, auf betriebliche Erfordernisse zu reagieren, massiv ein."

Die Qualität der Produktdaten ist laut Lawrence überaus wichtig. "So sehe ich das: Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter, und verwalte Daten so, als wären sie für die Ewigkeit bestimmt." Er führt weiter aus: "Es ist eigentlich selbstverständlich: Der Wert des PLM-Systems liegt in den darin enthaltenen Informationen. Schlechte Daten sind schlimmer als keine Daten. Inkonsistente Daten sind schlechte Daten. Das System erzeugt keine Daten und korrigiert auch keine Daten. Nur wenn Qualität hereinkommt, kommt auch Qualität heraus."

Lawrence fügt hinzu: "Gute Daten sind, entschuldigen Sie die Anspielung auf die Kreditkartenwerbung, einfach unbezahlbar."

Klassifizierung ist von zentraler Bedeutung

Durch eine sorgfältige Klassifizierung lassen sich doppelte Teileentwürfe vermeiden und eine hohe Qualität der Produktdaten von Weatherford sicherstellen. Das Klassifizierungsteam des Unternehmens setzt Sachgebietsexperten ein, um die Daten in den zahlreichen Legacy-Systemen zu durchforsten und äquivalente Teileentwürfe zu finden. Anschließend erzeugen sie "neue" Teilenummern und ordnen, wo möglich, die vorhandenen Legacy-Nummern den vorhandenen Teilen im System zu. Dabei verwenden sie Beschreibungen in Standardformaten, um eine einheitliche Verwendung in Stücklisten und anderen Anwendungen sicherzustellen.

Bis zu 40 Attribute pro Teil helfen, Artikel zu unterscheiden. Geometrisch identische Teile können mit derselben Zeichnung beschrieben werden. Diese attributgesteuerte Vorgehensweise hilft laut Lawrence dabei, die Erzeugung von Teilevarianten unabhängig von bestimmten Fachkenntnissen zu ermöglichen. "Häufig ist die Erstellung eines neuen, wiederholten Teils aus unterschiedlichen Materialien eine reine Formsache. Dafür ist keine CAD-Lizenz erforderlich."

Dank Klassifizierung können die Anwender bei Weatherford die benötigten Teile schnell suchen und abrufen. "In einer Organisation, die so weitläufig und vielfältig ist wie unsere", so Droke, "reicht die bloße Anschaffung eines PLM-Systems nicht aus. Erst durch die Klassifizierung der Daten werden die isolierten Informationssilos aufgebrochen. Nur deshalb gehören das einfache Suchen und Abrufen von Teilen zu unserem Arbeitsalltag."

Die Teileklassifizierung verbessert auch die teamübergreifende Zusammenarbeit. Lawrence: "Sie sorgt dafür, dass jeder – intern und innerhalb der gesamten Lieferkette – auf demselben Stand ist. Unsere Teams arbeiten besser und schneller, wenn sie sich darauf verlassen können, dass ihre Produktdaten vollständig, präzise und aktuell sind. Wir können die Bedürfnisse unserer Kunden effizienter erfüllen."

Durch die Klassifizierung entstehen sogar Synergieeffekte zwischen verschiedenen Bereichen. "Die Integration der klassifizierten Datenstrukturen, Produktvorlagen, Attribute und zulässigen Werte ist mit sämtlichen Aspekten unserer Geschäftsabläufe und unserer Lieferkette verwoben", erklärt Droke.

Da die technische Entwicklung, die Finanzabteilung, das Marketing und andere Abteilungen von Weatherford konsistente Produktdaten gemeinsam verwenden, können sie anspruchsvolle Geschäftsanalysen durchführen, um neue Wachstumsmöglichkeiten zu finden.

Da in den Berichten Klassifizierungs- und Attributdaten verfügbar sind, die mit den ERP-Daten verknüpft sind, können manche Gruppen detaillierte Geschäftsanalysen der Umsätze für bestimmte Produktlinien oder spezifische Produktmodelle nach Region, Kunde und Förderstättentyp durchführen. Diese Art der Berichterstellung hat schon so manches Mal zu gezielteren Marketingaktivitäten geführt, sowohl intern gegenüber den eigenen Mitarbeitern als auch extern gegenüber den Kunden.

Datenanalysen ergaben beispielsweise, dass Weatherford-Kunden im Allgemeinen bestimmte periphere Anlagen benötigen. Infolgedessen stellte das Unternehmen begleitende Teilekits zusammen, die mit den Hauptbaugruppen verknüpft sind. Dies erwies sich als wertvolles neues Tool für den Kundenservice, der damit sicherstellen kann, dass jede Bestellung alles enthält, was Kunden zur Verwendung der Anlagen benötigen. Bevor es diese Möglichkeit gab, mussten die Mitarbeiter im Kundenservice oft direkt Rücksprache mit der technischen Entwicklung halten oder sich an Produktkatalogen orientieren, um sicherzustellen, dass der Kunde über alle notwendigen Zubehörteile verfügte.

"Die Daten halfen uns, die Bedürfnisse unserer Kunden vorherzusehen und innovativ zu erfüllen", so Droke.

Die Abteilung Trade Compliance ist ebenfalls stark auf die Produktklassifizierung angewiesen, um Lizenz- und Zollentscheidungen für die internationalen Lieferungen zu treffen.

Wie Droke betont, hat sich Weatherford von vornherein verpflichtet, die Klassifizierung gleich in der ersten Phase der ERP-/PLM-Initiative anzugehen – als Schlüssel zu einer erfolgreichen Implementierung. Allerdings müssen sich Unternehmen bei der Klassifizierung auch deren Herausforderungen bewusst machen. "Die Daten werden nicht wie von Zauberhand in Ordnung gebracht", so Droke. "Klassifizierung ist harte Arbeit. Es ist eine bedeutende Investition."

Widerstände überwindenMitarbeiter an Computerbildschirmen

Durch PLM wird bei Weatherford das Änderungsmanagement im Engineering laut Lawrence zu einem geschlossenen Prozess. "Das System setzt jeden Schritt, den die Benutzer durchführen müssen, aufs Strengste durch", erklärt er.

Zugriffssteuerungen verhindern unbefugte Konstruktionsänderungen. Und doch treibt das System den Prozess kontinuierlich voran. "Der einzige Zweck des Änderungsmanagements im Engineering ist doch, die Änderung vorzunehmen", so Lawrence. "Unsere Kunden können ihre Ölplattformen nicht auf Eis legen und warten, bis eine genehmigte Konstruktionsänderung umgesetzt wurde."

Lawrence betont, dass das PLM-System bei Weatherford zunächst auf Widerstände gestoßen ist. "Einige Mitarbeiter betrachteten es schlichtweg als Ärgernis, das ihnen aufgezwungen wurde. Doch je mehr gute Daten in das System gespeist wurden, und je regelmäßiger die Anwender es nutzten, umso mehr erkannten sie die Vorteile und wurden bald zu eifrigen Verfechtern des Systems."

Droke weiter: "Heute ist 'Design anywhere, build anywhere' bei Weatherford nicht mehr nur ein Slogan. Es ist unsere Realität. Die Qualität unserer Produktdaten hilft uns dabei."